Liebe Freunde und ferne Verwandte,
ich weiss, ich hab mich jetzt schon ne weile nicht mehr gemeldet, wollte eigentlich etwas regelmäßiger in den Blog schreiben aber der Osterhase hat auch vor mir nicht halt gemacht und mir die Schokofüllung um die Ohren gehaun. Ostern feiern ja eigentlich nur die Christen. Anhänger anderer Religionen haben hier die Feiertage über geöffnet, verkaufen allerdings seltsamerweise keinen Alkohol.
Vorletztes Wochenende war ich mit den beiden deutschen Mädels auf großer Reise durchs Land unterwegs. Wir wollten uns zu den geheimnisvollen Höhlen in der Mitte der Insel aufmachen von denen man munkelt, dass es dort leuchtende Würmer gibt, wertvoller als Gold, wenn man so wie ich noch keine Schreibtischlampe hat. Kerstin hat sich also das Auto von ihren Gasteltern geschnappt, ich hab den Schlafsack (und zur Sicherheit den Kompaß) eingepackt und auf ging es ins Landesinnere. Hier möchte ich einmal ein paar Worte zur neuseeländischen Landschaft verlieren über die ja viel erzählt wird. Man kommt tasächlich oft an malerisch schönen Orten vorbei. Das Land liegt meist weit und offen vor einem ausgebreitet, die Schafe pilgern über die saftigen Wiesen, Wälder scharen sich in um sanfte Hügel und Farne in allen erdenklichen Formen mischen sich unter die zunächst vertraut wirkende Vegetation. Dann braust das Auto in einen Dschungel (oder einfach Bush, wie man hier sagt), der Highway (für deutsche Verhältnisse eine bessere Landstraße) nimmt Schlangenzüge an, die Pflanzen werden langsam aufdringlich, kriechen dichter und dichter um dann plötzlich wieder hinter dem Auto zu verschwinden und den Blick auf die Küste zu ebnen die sich mal steil mal flach an den Ozean schmiegt. In der Ferne stapeln sich Gebirge. Wenn man eine Zeitlang gestaunt hat wird das Auge anspruchsvoller und man lässt sich bald schon nicht mehr von jedem Tal verzaubern, doch dann kommt wieder ein Stück Urwald das von satten Farnen strotzt oder ein Tal voller fremdartiger Gesteinsformationen zwischen denen Kühe grasen und der Unterkiefer klappt erneut nach unten.
Nach diesen dreieinhalb Stunden Autofahrt haben wir den Ort Waitomo erreicht, der außer einem greäumigen Tourismusbüro und einigen Restaurants für selbige nicht viel zu bieten hatte, die Höhlen waren eben die Atraktion, die viele abenteuertustige Touristen anzogen. Wir buchten für eine dreistündige Führung durch zwei der größeren Höhlen. Wenn der Geldbeutel und der Adrenalinhaushalt es gestatteten konnte man dort auch Black Waterrafting und Extremabseiling buchen. Ich weiß natürlich aus meiner Erfahrung mit so manchem Film, dass gerade solche Abenteuerausflügler die Lieblingsbeute der meisten Höhlenmonster mit mehr als einem Kopf sind. So machten wir uns in einer kleinen sechsköpfigen Truppe in die erste Höhle auf. Die Führerin hieß Annet und kam aus Deutschland, sie lebt hier seit zwei Jahren mit ihrem Kiwifreund und dann folgte uns noch ein Pärchen dieser allgegenwärtigen Chinesen um die Gruppe komplett zu machen. Diese Konstellation ließ dann doch die eine oder andere Sorgenfalte über mein Gesicht huschen ob unsere Gruppe nicht die Kriterien für das Beuteschema menschenfressender Monster erfülle, die Chinesin war sogar schwanger. Aber das spornte den Abenteurer in mir eher noch an den Helm zurecht zu rücken und die Brücke zu betreten die den Fluss am Höhleneingang überquerte. Im Rucksack hatte ich eine Packung Kekse und ne Flasche Wasser falls wir uns länger als nur ein paar Tage in der Höhler zurecht finden müßten sowie den Kompaß und eine Strickjacke die man zur Not auch aufräufeln konnte um den Weg zu markieren.
Bald schon waren die flackernden Lichtstrahlen unserer Bergwerkerhelme die einzige Lichtquelle in der Pitschschwarzen Höhle, ich ging an letzter Stelle in der Gruppe, meine Aufgabe war es eventuelle Angriffe aus dem Hinterhalt abzuwehren und den Rückzug anzuführen doch das Echo der Wassertropfen die sich von Stalaktiten lösten war das einzige Geräusch neben den scharrenden Schritten vor mir und gelegentlichem dumpfen Pochen wenn ein Helm gegen die Höhlendecke prallte. Dann ließ Annet und anhalten und die Lichter ausschalten um uns zu demonstrieren wie dunkel es in der Höhle war. Ich hielt das für unvorsichtig, da sich die Monster jederzeit von der Decke abseilen konnten aber sie wollte nicht auf meine Einwände hören und einen Augenblick später war es stockduster, kohlrabenschwarz, teerfinster. Die Augen an einen normalen Tag zu schliessen wäre dagegen wie ein Blick in die Sonne und dann geschah es. Eine Hand legte sich auf meine Schulter und der faulige, fischige Atem Gollums steigt mir in die Nase bevor ich mich umdrehte um das Helmlicht wieder anzuknipsen. Fotsetzung folgt...
Puuuh, das ist gerade nochmal gut gegangen. War doch nur ein Windzug der mir den Kragen hochgewandert war. Die anderen schalteten nun auch wieder ihr Licht ein und stumm setzten wir unseren Weg fort. Die Gefahr hatte uns längst zusammengeschweißt, denn wir wussten, dass wahrscheinlich nicht alle von uns das Tageslicht wieder erblicken sollten. Der kleine Bach den wir am Eingang überquert hatten tauchte nun in Form eines reissenden Stroms nun wieder vor uns auf. Unsere Führerin warnte uns, dass blinde, glitschige Aale und kneifende Krebse diesen Fluss bevölkerten doch das erstaunlichste spielte sich über uns an der Höhlendecke ab. Man konnte die Wände nun auch ohne das Helmlicht erkennen denn ein fahles bläuliches schimmern ging von der Decke aus, wir hatten die Glühwürmer gefunden. Ich versuchte einen Freudensprung und den Ruf "Heureka" der dank der flachen Decke aber nur zu einem "Heuraaahh" ab gestaucht wurde. Wir stiegen auf ein Boot und ließen uns den Strom entlang treiben, über uns ein wimmelnder, lebendiger Sternenhimmel einmal blickte ich mich nach hinten um und für einen kurzen Augenblick war mir so als würde ich einen Baumstamm ausmachen der plötzlich unter der Wasseroberfläche verschwand. Unsinn sagte ich mir, hierher verirrt sich bestimmt kein Baumstamm. Meine Gedanken beschäftigten sich viel eher damit wie ich nun die Glühwürmer in mein Einweckglas bekommen sollte. Die Decke war nun viel höher entfernt und ich saß auf einem wackligen kleinen Boot, dass umkippen könnte, dann wären wir nichts weiter als eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan der Flusskrebse. Außerdem war es ja auch verboten sich Souvenirs mitzunehmen. Dann kam plötzlich ein Donnern auf, es wurde lauter und immer lauter bis die Ohren wie Fische im Netz zappelten. Wir näherten uns einen unterirdischen Wasserfall. Annet brachte das Boot grade noch rechtzeitig zum stehen und rettete uns allen wohl damit das Leben. Wir stiegen an Land und passierten den Wasserfall mit trockenen Füssen. Nur ein paar Meter weiter fanden wir uns in einer Art unterirdischen Thronsaal der Glühwürmer wieder. Tausende und abertausende blaue Punkte bevölkerten die Decke. Der Fluss verschwand unter einer Steinwand, die Höhle war hier für uns an ihr Ende angelangt. Unter dem Vorwand ein paar Bilder von den Würmchen machen zu wollen entfernte ich mich von der Gruppe und versammelte heimlich ein paar der kleinen Deckenlampen in mein Glas das ich tief unten in meinem Rucksack verstaute. Beider Gelegenheit gönnte ich mir noch einen Siegerkeks und ein paar wohl bemessener Schluck Wasser. Nach ein paar Minuten machten wir uns an den Rückweg der nicht weniger tückisch war aber für mich nun alle Schrecken verloren hatte da ich meinen Schatz gut verstaut wußte. Als das Tageslicht uns dann in den Augen zwickte und wir schnaufend und glücklich aus der Höhle schritten war ich ein völlig neuer Mensch, wiedergeboren aus dem schwarzen Schoß der Erde. Annet machte uns allen Kaffee, Tee oder heiße Schokolade die wir herrlich selbstzufrieden wegschlürften. Doch ein neuer Schatten legte sich auf unsere Seelen als wir daran dachten was noch vor uns lag. Wie schon gesagt hatten wir für eine Erkundung von zwei Höhlen gebucht, das bedeutete dass noch eine weitere vor uns lag. Der Kaffee war plötzlich viel zu schnell gelehrt, die Becher viel zu schnell wieder verstaut und die Gruppe baldwieder in Bewegung. Die zweite Höhle war ganz anders als die erste. Viel größer, viel höher und an vielen Stellen von Lampen beleuchtet. Hier gab es keine Glühwürmer und wenn es hier mal Monster gegeben hat, dann wurden sie vor langer Zeit schon weggeleuchtet. Manch eine Kuh hatte sich hier jedoch verirrt oder war durch ein Loch im Boden in die Höhle gestürzt und ist verendet. Irgendwann kamen wir in einen riesigen Raum, die Decke war sicher zehn Meter entfernt und abermals stellte Annet das Licht aus und ließ und in die Dunkelheit lauschen. Das Tropfen der Tropfsteine warf Echos. Annet schlug vor die Akkustik der Höhle mit einem Lied zu belegen und zunächst wollte sich keiner überwinden. Schließlich fasste ich mir ein Herz und sang zunächst leise. "Klaun, klaun, Äppel wolln we klaun..." dann lauter werdend "...Ruckzuck öbern Zaun..." , dann setzte Tina mit ein "Ein jeeeder Mann der kann das nicht, denn er muss schon Mecklenburger sein." Und wieder: "Klaun, klaun, Äppel wolln we klaun..." und immer so weiter immer lauter. Die Stalaktiten bigannen zu wackeln und zu rieseln und die Flußkrebse kamen von der Nachbarhöhle um zu lauschen und dann mit den Scheren im Takt zu schnippen. Bald begann das Echo sich selbst zu verstärken und immernoch wurden wir lauter und noch lauter bis wir schließlich fluchtartig die Höhle verlassen mussten um von den Stalaktiten nicht aufgespießt zu werden. Das Echo kann man heute noch durch die Höhle geistern hören "...denn er muss schon Meclenburger sein."
Der Tag war dann geschafft und wir genossen den Abend mit Wein und Käse in einer Backpackersunterkunft. Am nächsten Morgen hieß es auch schon wieder sich für den Rückweg bereit zu machen. Unsere Route hatte aber noch einige Schlänker und zwischenstopps auf dem Plan. So besuchten wir noch einige kleiner Höhlen und eine natürliche Brücke auf Felsgestein in der Kulisse von Jurassic Park und einen riesigen Wasserfall dessen höhe ich einer nervenaufreibenden Kletterpartie selbst ausloten konnte. Einmal mehr pries ich meine Lederhosen als ich bis zu Hüfte in Schlamm versank. Noch mehr könnte ich erzählen doch die Bibliothek in der ich grade sitze und dessen W-Lan zugang ich nutze schließt nun bald. Morgen mache ich mich schon wieder auf die Reise mit Vivian, einer chinesischen Freundin, eigentlich heißt sie Ying Chen oder so ähnlich. Wir habe uns in den nächsten zehn Tagen einiges vorgenommen und ich werde euch auf dem laufenden halten. Bis dahin viele Grüße ins deutsche Land.
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6 comments:
hallo carsti,
ist ja wirklich spannend in der Unterwelt und so toll geschrieben, dass ich kaum noch atmen konnte.
(geschweige denn arbeiten)
Leuchten denn nun die Würmer oder mußt du dir zum Winter mit einer echten Lampe helfen und hast du schon einen Maori getroffen ??
Viel Spaß bei eurer Reise und liebe Grüße von der kalten Halbkugel
hi carsten!
=))... ich bin schon richtig neidisch ^^
richtig schöner blog ist es geworden!
leben deine würmer noch?
gruß Niels
Ja den Wuermern gehts gut...glaub ich...hab sie schon ne weile nich mehr zu Gesicht bekommen...
hallo carsten,
ja dann kann man echt nur neidisch mit der zunge schnalzen was du so alles erlebst. und ein paar jahre kommen ja noch ;-). das war wirklich ein preisverdächtiger erlebnisbericht, bei borkenhagen wäre das eine glatte eins mit vorlesen geworden, mach weiter so.
schöne grüße aus dem inzwischen schön warmen rostock von beccy und dave
wahnsinn carsten deine geschichten, deine erlebnisse, dein unglaublicher erfahrungshorizont strahlen so hell wie tausend pulsare ... wunderbar, dass du dich diesem blog widmest! es macht spaß zu lesen und zu erleben! ... ich kehre jetzt neiderfüllt und erstarrt vor erfurcht an meine wekrstätte zurück und hinterlasse einem der größten abenteurer aller zeiten einen sommerlichen gruß aus dresden
max
Hallo.
Ich mochte mit Ihrer Website carstenforhobbit.blogspot.com Links tauschen
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